Prof. Hannelore Schlaffer:
Die City - Straßenleben in der geplanten Stadt

// RÜCKSCHAU & NACHLESE / ZUR VERANSTALTUNG VOM 21.09.2014
Im Architekturschaufenster Karlsruhe

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Mit leicht sarkastischem Unterton befördert Hannelore Schlaffer, überzeugte Stuttgarterin, gebürtig aus Würzburg, viele Jahre in Paris lehrend, anhand kurioser bis erschreckender Details „von hohem Wiedererkennungswert“ die globalisierte Provinzialität unserer Innenstädte zu Tage: Die neuen Citys sind ein offener, nicht mehr bewohnter Raum und müssen wie in einer Wiederkehrschleife täglich neu befüllt werden.

Landesweit stellen diese zur Ader gelassenen Agglomerate mehr und mehr verwechselbare Mixturen aus Shoppingparadies, Büroschluchten, breitgefächerten Gastronomie-Points, gestopft mit einem standardisierten Warensortiment dar. Sie sind die Magneten der Konsumkraft aus der umgebenden Region. Die dumpf wabernde Gesellschaft des dritten Jahrtausends gewinnt im Rausch öffentlich zelebrierter Nahrungszufuhr die Oberhand - oder „in solch ästhetischer Dämmerung beginnt das Glück der demokratischen Gleichheit.“

Ein kultureller Umbruch unerhörten Ausmaßes ist im Gange.
Jegliche Aura ist verschwunden. Der neue Lust-Ort: DAS EINKAUFSCENTER.
Unsichtbarer Regent der Stadt ist die bleikugelgraue Eminenz = der IN-VESTOR.
Vor dessen KAPITALIEN gleich welcher Herkunft nehmen sich GEMEINGUT und GEMEINWOHL aus wie Wolkenfetzen, vom Wind der Raffgier hinweggeblasen wie von einem Raubtieratem.

Karlsruhe, Stadt auf dem Reißbrett geplant, ein Lustschloss als Gelenkstelle des Fächers, „in dessen Straßen die vaterlosen Abkömmlinge des badischen Sonnenkönigs lebten“, so die Legende; die von Anfang an - der Fächer setzt sich in gespreizter Form im angrenzenden Hardtwald fort – die Natur, Flora und Fauna, miteinbezog ...
schaut heute unbeweglich, widerstandslos der Zerstörung dieser Lebenswelten zu. Das Argument einer beschleunigten, radikal-umsteiglosen Fortbewegung mit öffentlichen Verkehrsmitteln erweist sich als kraftlos, ja verlogen.

Stuttgart, viel älteren Ursprungs, zeigte breitgefächerten WIDERSTAND, begehrte auf gegen das Milliardenprojekt S-21, das weiterhin Opfer kostet. Der Zaun am Nordausgang Bahnhof war bald in die gesittete Öffentlichkeit der Ausstellung Global Activism just im K’her ZKM gebannt. Das Nürnberger DB-Bahn-Museum hat ihn sich auf Dauer gesichert.

WANN werden wir, Bewohner, Bürger endlich erwachen und die Stadt wieder zu unser aller Haus machen? In dem wir nicht unablässig Kauflädle spielen, sondern zurückfinden zu einem Leben im Miteinander - unter Verwendung unserer FÜNF SINNE und des guten alten gesunden MENSCHENVERSTANDS? Auch die Tiere werden es uns danken.

IMPRESSIONEN

Fußnote

Im Zuge der Mobilmachung zur nachhaltigen Zerstörung dieser Stadt, wurde nicht nur Singvögeln durch das Fällen zahlreicher Bäume der Lebensraum genommen. Ein ganz besonderer Vogel wurde hier als Metapher ins Blickfeld gerückt: Der Greif. Gilt er doch als Fabeltier der Wachsamkeit und der Kommunikationsfähigkeit. Ein imposantes Exemplar dieser Spezies wachte seit über einem Jahrhundert auf einer Stele vor dem Gebäude der Hauptpost und war eines der Wahrzeichen der Stadt Karlsruhe. Beim Anpfiff für dieses Megaprojekt genannt U-STRAB bestand eine der ersten Amtshandlungen noch vor dem Fällen der Bäume im Stadtgebiet darin, dieses Monument zu Fall zu bringen und es anschließend im Straßenbahndepot in der Versenkung verschwinden zu lassen. Im üppig zelebrierten Weltkriegsgedenkjahr (in dem die Welt mehr denn je von Kriegen erschüttert wird) wurde er, der Greif, schließlich als Zierobjekt in den Garten des Prinz-Max-Palais – auf die Erde verbracht und fristet dort praktisch mit gestutzten Flügeln nun sein viel fotografiertes Dasein. Kurz nach Herabholen des geflügelten Tiers aus seiner ihm zustehenden Höhe kam es im Stadtgebiet zu schweren mit und durch Straßenbahnen verursachten Verkehrsunfällen, bei denen zahlreiche Verletzte und auch Tote zu beklagen waren.

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